Wie sich erhöhter Alkoholkonsum bei Jugendlichen auswirkt

Wer kennt ihn nicht, diesen „Ich trinke nie wieder Alkohol“-Moment? Nachdem ich zuletzt auf mehreren Partys erleben durfte, wie Gleichaltrige ihren Alkoholkonsum nicht mehr kontrollieren konnten, frage ich mich wie es zu diesem Zustand kommt.

„Busdriver, where goes the light on?“ brüllte jemand aus der Toilette. Man könnte meinen, dass ich diese Aussage in einem Pub in England aufgeschnappt habe – nein. In einem Shuttlebus, der zu einer 90er Party in Deutschland führte.
Wieso sprechen Personen, die eindeutig deutscher Herkunft sind, plötzlich auf Englisch?
Als ich den jungen Mann auf seine Aussage angesprochen habe, drückte er sich durch englischsprachige Sätze mit deutschem Satzbau aus. Hierbei kamen Satzgebilde, wie „Firepenciling is only good for the Firemen, so that they have what to do!“ (Brandstiftung ist nur für die Feuerwehrmänner gut, sodass sie etwas zu tun haben!) oder „When I’m at the haircutter I always have to take care of my secret advice corners!“ (Wenn ich beim Frisör bin, muss ich mich immer um meine Geheimratsecken sorgen). Ich sprach ihn darauf an, dass man auf solche Sätze auch erst kommen muss. Er antwortete mir, dass es ihm total leicht falle Englisch zu sprechen. Ich konnte ihm durchaus Glauben schenken. Jemand, der das Wort „Geheimratsecken“ mit „Secret Advice Corners“ übersetzen kann, muss über einen gewissen englischen Wortschatz verfügen um überhaupt dieses Wort zu kreieren – eine bemerkenswerte Persönlichkeit.

Doch weshalb machen Menschen im betrunkenen Zustand viele Dinge, die sie sich nüchtern verbieten würden? Sie wollen zeigen, dass sie nicht so einfach gestrickt sind, wie die anderen Betrunkenen. Denn im Zustand der Trunkenheit versuchen viele Menschen, ihre besonderen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.
Vor Kurzem habe ich erlebt, wie jemand nach ein paar Shots völlig überraschend Saltos schlug. Aus dem Stand. Auf hartem Beton. Er hat es nicht geschafft. Meine Freunde und ich haben den Notarzt alarmiert und er wurde mit einer klaffenden Platzwunde am Kopf und einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus gebracht. Wie viele andere Betrunkene erlitt unser Akrobat keine bleibenden Schäden.

Ich selbst erwische mich oft dabei, wie ich mich plötzlich stärker und eloquenter fühle, wenn ich Alkohol getrunken habe. Ich bemerke jedes Mal die enthemmende Wirkung des Ethanols. Oft spreche ich völlig Fremde Menschen auf ihr Outfit oder ihren Haarschnitt an um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Denn solange man sich mit ihnen auf derselben Gesprächsebene unterhält, stehen einem fremde Menschen stets neutral gegenüber.
Als ich eben genannte Strategie das erste Mal angewandt habe, war ich sehr nervös. Rückwirkend hätte ich auch nicht unbedingt gleich den großen, glatzköpfigen Mann mit einer durchaus einschüchternden Wirkung ansprechen müssen. Jedoch dachte ich mir, dass er auch nur ein Mensch ist, der seinen Spaß haben will.
Ich fragte ihn, ob er eine Glatze trage, weil ihm sein Kopf auf diese Weise besser gefällt oder weil ihm nicht mehr viele Haare wachsen. Wenn mich jemand so angesprochen hätte, wäre ich vermutlich nicht darauf eingegangen. Aber der Mann, der vermutlich in den späten Zwanzigern war, grinste kurz und fragte mich wieso ich das wissen wolle. Ich antwortete ihm, dass es mich einfach nur interessiere. Dann erklärte er mir, dass er bereits als Teenager graues Haar hatte und ihm mit etwa 20 Jahren die meisten Haare ausgefallen sind. Ich unterhielt mich mit ihm über die verschiedensten erblich bedingten Krankheiten und habe dadurch noch ein paar seiner Freunde kennengelernt. Seit diesem Erlebnis lebe ich stets nach dem Leitsatz: Solange man seinem Gegenüber mit demselben Respekt und derselben Achtung entgegnet, die man sich selbst von Anderen erhofft, wird die fremde Person mit sehr großer Wahrscheinlichkeit jede noch so irrelevante Frage beantworten.

Jedoch gibt es durchaus Jugendliche, deren Leber nicht so viel Alkohol verarbeiten kann, wie die eines Anderen. Ich durfte dieses Phänomen auf einer privaten Feier erleben: Nach ein paar Drinks und einem Bier übergaben sich die Besucher der Feier reihenweise. Mein erster Gedanke war, dass ich es mit vielen Sparfüchsen zu tun haben muss. Denn wenn man eben diese Personen in Clubs trifft, sind sie fast nüchtern, da man dort auch ein wenig Geld für seinen Rausch hinlegen muss. Aber als ich dann weiter darüber nachdachte, fiel mir ein, dass sich nahezu alle Besucher der Feier mindestens flüchtig kannten. Das heißt sie haben bei weitem nicht das Schamgefühl wie auf einer Feier in einem Club, wo sie auf viele Fremde treffen.

Ich folgere daraus, dass sich der Mensch sicherer und experimentierfreundiger verhält, wenn er sich in einem vertrauten Umfeld bewegt. Sobald er seine Komfortzone verlassen muss, ändert sich für ihn sein gesamtes Sozialverhalten sowohl im nüchternen als auch im betrunkenen Zustand.

 

Wie der Franke stolz auf seinen Dialekt wird

Als ich vor Kurzem in Wien unterwegs war, musste ich wieder einmal feststellen wie stark meine Aussprache durch die Kindheit im Frankenland geprägt wurde.
„Ein Dönerteller mit Pommes und Salat und ’ner Cola – sind dann 8,50€ bitte.“ Sagte der nette Verkäufer in der Dönerbude. „Wart‘ ich hab noch a Fuchzgerla!“ Antwortete ich ihm. „Ah! Bist a Frange hä?“ – wieder einmal ein Moment in dem ich mich ein wenig für meinen Dialekt geschämt habe. Doch ist es denn überhaupt nötig ein Schamgefühl für seine eigene Aussprache zu hegen?

Das Schönste am fränkischen Dialekt sind seine Verniedlichungen wie „la“ und „le“. Der Franke findet das herkömmliche Brötchen um einiges sympathischer, wenn er es zum „Brödla“ machen kann. Jedoch muss der Franke besonders beim „Brötchen“ stets darauf achten, in welchem Teil Frankens er sich befindet. Während man in Teilen Oberfrankens noch vom „Brödla“ bzw. von den „Brödli“ spricht, wird man schon in Mittel- und Unterfranken nur noch beschmunzelt. Meist wird man korrigiert mit „Kerl! Des hasst Semmel! Stell di ned so ooo!“  während ein anderer mit diskutiert: „Schmarr ned so! Des hasst wäggla!“.

Solange wir Franken unter uns sind, reden wir genau so wie wir es gewohnt sind. Mit all den Begriffen und Redewendungen, die uns bereits in die Wiege gelegt wurden. Und das fällt uns überhaupt nicht auf – solange bis sich ein Nicht-Franke an der Konversation beteiligt. Plötzlich fällt uns auf, dass wir ganz anders als der „Neue“ sprechen. Mit einem Mal verändern wir unser komplettes Sprachverhalten. Man nimmt sich reflexartig etwas zurück und lässt zuerst den „Fremdling“ sprechen.
Aber warum verstecken wir uns?
Immer wieder treffe ich auf Franken außerhalb ihres Heimatgebiets. Sie versuchen ihren Dialekt zu vermeiden und beginnen zu stottern. Das kommt davon, weil sie versuchen oben genannte Begriffe zu umgehen. Jedoch passiert mir dies niemals mit Bürgern aus Ostdeutschland. Dort sind viele sogar sehr stolz auf ihren Dialekt.
Beim Skifahren traf ich in der Gondel auf einen Ossi mittleren Alters. Ich unterhielt mich ganz normal wie mit jedem überzeugten Skifahrer darüber, dass Snowboarder einfach die Piste verlassen sollten, wenn sie ihr Gerät nicht im Griff haben. Hier hatte ich eine ehrliche Unterhaltung mit einem Dresdner: Als wir zum Ende unseres Snowboarder-Themas kamen, fragte ich ihn, ob er denn versuche, wie viele Franken seinen Dialekt zu verstecken. „Wie bitte?! Bist du verrückt?!“ antwortete er energisch. Ihm ging das Lächeln kaum noch aus dem Gesicht: „Ganz Deutschland kennt meinen Dialekt. Zwar machen sich viele darüber lustig, wie ich mich ausdrücke aber wenigstens weiß ich noch wo ich herkomme! Es mag vielleicht wichtig sein zu Reisen und die Welt zu entdecken. Manche Leute sollten auf jeden Fall mal aus ihrer Heimat für ein paar Monate verschwinden um zu merken wie gut es ihnen geht! Aber du solltest dabei niemals als ein komplett anderer Mensch zurück Nachhause kommen!“ erklärte er mir. Beeindruckt bedankte ich mich für das nette Gespräch und wir gingen beide wieder unserer Ziehwege.
Um sich die Aussage des Mannes besser vorstellen zu können, wurde sein Beitrag hier in ostdeutschem Dialekt verfasst.

Völlig verblüfft dachte ich den ganzen Tag über die überzeugende Meinung des Mannes aus der Gondel nach. Ich fragte mich die ganze Zeit: „Wieso bin ich nicht genauso stolz auf meinen Dialekt?“

Ich bin zum Schluss gekommen von nun an denselben Stolz auf meinen Dialekt zu entwickeln. Man kann auch sagen, dass ich mich zum „Frankentum“ bekenne. Natürlich muss man gerade als Franke stark darauf achten, diesen Stolz nicht überzustrapazieren um nicht gleich als Bauerndrambl abgestempelt zu werden. Schließlich haben auch Franken unter sich ihre Grenzen!